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   Wirtschaft und Wissenschaft

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   Transferbrief Leipzig
Jugendlicher Alkoholkonsum in Ostdeutschland
Ergebnisse einer Repräsentativerhebung

Das Kindes- und Jugendalter gilt als ein vergleichsweise gesunder Lebensabschnitt. Trotzdem ist festzustellen, dass die Grundlagen gesundheitsgefährdender Verhaltensweisen, wie Rauchen und übermäßiges Alkoholtrinken, gerade in diesen frühen Jahren gelegt werden. Die Entwicklung dieser Risikoverhaltensweisen beginnt, wenn die Heranwachsenden sich schrittweise vom Elternhaus lösen und die schwierige Aufgabe des Erwachsenwerdens zu bewältigen haben. Ob die Jugendlichen in dieser Phase zu regelmäßigen Rauchern bzw. Alkoholkonsumenten werden, hängt von einer Reihe von Faktoren ab, insbesondere von spezifischen personalen Dispositionen (Befindensregulation, Autonomie), von den Gegebenheiten in der Familie (Vertrauen, Kommunikation) und der Gleichaltrigengruppe (Gruppendruck, Konsumverhalten der anderen) sowie von kulturellen und gesellschaftlichen Randbedingungen (Verfügbarkeit, Meinungsklima, Riten, Sanktionen).

Präventive Strategien zur Reduzierung des gesundheitlichen Risikoverhaltens bei Kindern und Jugendlichen zielen auf die Beeinflussung dieser Bedingungsfaktoren. Dementsprechend sind Interventionen danach zu unterscheiden, ob sie auf der personalen, sozialen oder kulturell-gesellschaftlichen Ebene ansetzen. Zu den personalen Präventionsstrategien zählen Informationsvermittlung, Erzeugung persönlicher Betroffenheit und psychosozialer Kompetenzerwerb (z.B. Umgang mit Gefühlen und Konflikten). Wichtige Bausteine auf der Ebene der sozialen Präventionsstrategien sind Veränderungen des elterlichen Erziehungsverhaltens, Einflussnahme auf Peergruppenprozesse (Nein-Sagen können, Gruppendruck aushalten können) und schulische Rahmenbedingungen. Zu den kulturell-gesellschaftlichen Präventionsstrategien zählt beispielsweise das Rauchverbot in allen öffentlichen Gebäuden oder das generelle Werbeverbot für Alkohol in bestimmten Medien.

Aus der Public Health Perspektive der Gesundheitsförderung ist es nötig, diese verschiedenen Präventionsebenen gleichermaßen im Auge zu behalten und miteinander zu verknüpfen. Entscheidend ist hier vor allem das Prinzip der Nachhaltigkeit durch strukturelle Stabilisierung, z.B. indem die Komponenten des erprobten und bewährten Programms zur Lebenskompetenzentwicklung (Life-Skills-Training) systematisch und als fester Bestandteil in den schulischen Unterricht eingebaut werden, so dass es nicht mehr allein vom persönlichen Engagements einzelner Personen abhängt, ob und in welcher Form qualitätsvolle präventive Gesundheitserziehung in der Schule stattfindet.
Um erfolgreich präventive Aktionen zur Reduzierung der Zahl der jugendlichen Raucher und Alkoholkonsumenten einleiten zu können, bedarf es zweier
Voraussetzungen: Erstens, braucht man möglichst präzise Informationen über die Auftretensweise und Bedingungen des Risikoverhaltens in der betreffenden Interventionszielgruppe und zweitens, ein gutes Interventionskonzept,das auf diese Zielgruppe zugeschnitten ist. Die vorliegende Studie liefert epidemiologische Informationen für eine Zielpopulation, die bislang noch kaum ins Blickfeld der Gesundheitsförderung geraten ist: Gemeint sind Kinder und Jugendlichen aus den ländlichen Regionen in Ostdeutschland. Für diesen Personenkreis wird nachfolgend die Risikoverhaltensweise Alkoholgebrauch eingehender analysiert.

Die Torgau-Studie

In Kooperation mit dem örtlichen Gesundheitsamt wurde im Frühsommer 1999 eine Totalerhebung durchgeführt, in die alle 6. bis 10. Klassen aller Mittelschulen und Gymnasien im Landkreis Torgau-Oschatz einbezogen waren. Teilgenommen haben insgesamt 5.925 Schüler; bei einer Gesamtschülerzahl von 7.288 entspricht dies einer Partizipationsrate von 81,3%. Die Schüler stammen aus 16 Mittelschulen und vier Gymnasien; die Altersspanne beträgt 12 bis 16 Jahre. Durchgeführt wurde eine schriftliche Befragung auf Klassenebene während der Unterrichtszeit in Anwesenheit von jeweils einem Projektmitarbeiter, der den Schülern den Zweck der Befragung erklärte, die Fragebögen austeilte, für Nachfragen zur Verfügung stand und die Bögen am Ende wieder einsammelte. Die Teilnahme an der anonymen Befragung war für die Schüler freiwillig.

Die wichtigsten Resultate der Studie im Überblick:

- Alkohol probiert haben bis zur 10.
  Klasse etwa 80-90% der Schüler.  
  Unterschiede zwischen Jungen und
  Mädchen gibt es hier kaum, dafür sind
  die Differenzen zwischen Mittelschule
  und Gymnasium erheblich (Mittelschule:
  90% vs. Gymnasium: 81%).

- Den Selbstangaben zufolge gibt es unter
  den Mädchen auch in der 10. Klasse
  noch kaum tägliche
  Alkoholkonsumentinnen (weniger als
  1%); bei den Jungen dagegen liegt die
  Quote der „täglichen Trinker“ in der 10.
  Klasse bei immerhin 8%.

- Erweitert man das tägliche Trinken zum
  wöchentlichen Trinken, schnellen die   
  Prävalenzraten nach oben: In der 10.
  Klasse liegt hier der Anteil derjenigen,
  die wöchentlich wenigstens einmal
  Alkohol trinkt, bei 30,6%.

- Dabei gibt es einen großen
  Geschlechtsunterschied: Bei den
  Mädchen steigt der Anteil derjenigen, die

 

  wenigstens einmal pro Woche
  alkoholische Getränke konsumieren, bis
  zur 10. Klasse auf  18,7% an. Die
  entsprechende Quote bei den Jungen ist
  mit 44,2% mehr als doppelt so hoch

- Bei den Jungen kommt es auch zu 
  einem bemerkenswerten
  Schultypunterschied: die Quote der 10.
  Klässler, die wenigstens einmal pro
  Woche Alkohol trinken, ist am
  Gymnasium um 8,8% erheblich höher
  als an der Mittelschule (Mittelschule:
  40,8%;  Gymnasium: 49,6%).

- Beim Vergleich mit Daten für den
  gesamten Freistaat Sachsen muß für
  die Region Torgau insgesamt gesehen
  ein deutlich überdurchschnittlicher
  Alkoholkonsum festgestellt werden
  (21,0% vs. 24,2% wöchentliche
  Konsumenten in der Gruppe der 8.-10.
  Klässler).

- Der Einstieg in das Alkoholtrinken wird
  von Motiven bestimmt, die noch wenig
  individualisiert sind, und mit denen vor
  allem die Jüngeren ihr Trinkverhalten
  begründen bzw. rechtfertigen  (“weil es
  schmeckt”; “weil alle trinken”). 

- Mit zunehmender Alkoholerfahrung
  rücken spezifischere soziale und
  emotionale Trinkgründe in den
  Vordergrund („wegen der Geselligkeit“,
  „um abzuschalten“ usw.).

Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass Maßnahmen zur Prävention des übermäßigen Alkoholgebrauchs in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands wenigstens so nötig sind wie anderswo. Demgegenüber ist aber festzustellen, dass sich viele Aktivitäten der primären und sekundären Suchtprävention auf die großen Städte konzentrieren. So wird beispielsweise im nahe bei Torgau gelegenen Leipzig seit Mitte der 90er Jahre ein bundesweit viel beachtetes schulisches Präventionsprogramm (Soester Programm) mit gutem Erfolg erprobt und evaluiert. Es ist Zeit, dass solche innovativen Ansätze auf schulischer Ebene auch in den ländlichen Regionen (nicht nur Ostdeutschlands) zum Einsatz gebracht und dort auf die spezifischen Bedingungen abgestimmt werden.

Prof. Dr. Reinhard Fuchs

HTWK Leipzig

Fachbereich Sozialwesen

PF 30 00 66, 04251 Leipzig

fuchs@sozwes.htwk-leipzig.de

 

Dr. Heike Zirm

Gesundheitsamt Torgau

Puschkinstraße 2, 04860 Torgau

heike.zirm@lra-to.de

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Transferbrief Leipzig 2/2002