Das Kindes- und Jugendalter gilt
als ein vergleichsweise gesunder Lebensabschnitt. Trotzdem ist festzustellen, dass die
Grundlagen gesundheitsgefährdender Verhaltensweisen, wie Rauchen und übermäßiges
Alkoholtrinken, gerade in diesen frühen Jahren gelegt werden. Die Entwicklung dieser
Risikoverhaltensweisen beginnt, wenn die Heranwachsenden sich schrittweise vom Elternhaus
lösen und die schwierige Aufgabe des Erwachsenwerdens zu bewältigen haben. Ob die
Jugendlichen in dieser Phase zu regelmäßigen Rauchern bzw. Alkoholkonsumenten werden,
hängt von einer Reihe von Faktoren ab, insbesondere von spezifischen personalen
Dispositionen (Befindensregulation, Autonomie), von den Gegebenheiten in der Familie
(Vertrauen, Kommunikation) und der Gleichaltrigengruppe (Gruppendruck, Konsumverhalten der
anderen) sowie von kulturellen und gesellschaftlichen Randbedingungen (Verfügbarkeit,
Meinungsklima, Riten, Sanktionen).
Präventive Strategien zur Reduzierung des gesundheitlichen Risikoverhaltens bei Kindern
und Jugendlichen zielen auf die Beeinflussung dieser Bedingungsfaktoren. Dementsprechend
sind Interventionen danach zu unterscheiden, ob sie auf der personalen, sozialen oder
kulturell-gesellschaftlichen Ebene ansetzen. Zu den personalen Präventionsstrategien
zählen Informationsvermittlung, Erzeugung persönlicher Betroffenheit und psychosozialer
Kompetenzerwerb (z.B. Umgang mit Gefühlen und Konflikten). Wichtige Bausteine auf der
Ebene der sozialen Präventionsstrategien sind Veränderungen des elterlichen
Erziehungsverhaltens, Einflussnahme auf Peergruppenprozesse (Nein-Sagen können,
Gruppendruck aushalten können) und schulische Rahmenbedingungen. Zu den
kulturell-gesellschaftlichen Präventionsstrategien zählt beispielsweise das Rauchverbot
in allen öffentlichen Gebäuden oder das generelle Werbeverbot für Alkohol in bestimmten
Medien.
Aus der Public Health Perspektive der Gesundheitsförderung ist es nötig, diese
verschiedenen Präventionsebenen gleichermaßen im Auge zu behalten und miteinander zu
verknüpfen. Entscheidend ist hier vor allem das Prinzip der Nachhaltigkeit durch
strukturelle Stabilisierung, z.B. indem die Komponenten des erprobten und bewährten
Programms zur Lebenskompetenzentwicklung (Life-Skills-Training) systematisch und als
fester Bestandteil in den schulischen Unterricht eingebaut werden, so dass es nicht mehr
allein vom persönlichen Engagements einzelner Personen abhängt, ob und in welcher Form
qualitätsvolle präventive Gesundheitserziehung in der Schule stattfindet.
Um erfolgreich präventive Aktionen zur Reduzierung der Zahl der jugendlichen Raucher und
Alkoholkonsumenten einleiten zu können, bedarf es zweier |
Voraussetzungen: Erstens, braucht
man möglichst präzise Informationen über die Auftretensweise und Bedingungen des
Risikoverhaltens in der betreffenden Interventionszielgruppe und zweitens, ein gutes
Interventionskonzept,das auf diese Zielgruppe zugeschnitten ist. Die vorliegende Studie
liefert epidemiologische Informationen für eine Zielpopulation, die bislang noch kaum ins
Blickfeld der Gesundheitsförderung geraten ist: Gemeint sind Kinder und Jugendlichen aus
den ländlichen Regionen in Ostdeutschland. Für diesen Personenkreis wird nachfolgend die
Risikoverhaltensweise Alkoholgebrauch eingehender analysiert. Die Torgau-Studie
In Kooperation mit dem örtlichen Gesundheitsamt wurde im Frühsommer 1999 eine
Totalerhebung durchgeführt, in die alle 6. bis 10. Klassen aller Mittelschulen und
Gymnasien im Landkreis Torgau-Oschatz einbezogen waren. Teilgenommen haben insgesamt 5.925
Schüler; bei einer Gesamtschülerzahl von 7.288 entspricht dies einer Partizipationsrate
von 81,3%. Die Schüler stammen aus 16 Mittelschulen und vier Gymnasien; die Altersspanne
beträgt 12 bis 16 Jahre. Durchgeführt wurde eine schriftliche Befragung auf Klassenebene
während der Unterrichtszeit in Anwesenheit von jeweils einem Projektmitarbeiter, der den
Schülern den Zweck der Befragung erklärte, die Fragebögen austeilte, für Nachfragen
zur Verfügung stand und die Bögen am Ende wieder einsammelte. Die Teilnahme an der
anonymen Befragung war für die Schüler freiwillig.
Die wichtigsten Resultate der Studie im Überblick:
- Alkohol probiert haben bis zur 10.
Klasse etwa 80-90% der Schüler.
Unterschiede zwischen Jungen und
Mädchen gibt es hier kaum, dafür sind
die Differenzen zwischen Mittelschule
und Gymnasium erheblich (Mittelschule:
90% vs. Gymnasium: 81%).
- Den Selbstangaben zufolge gibt es unter
den Mädchen auch in der 10. Klasse
noch kaum tägliche
Alkoholkonsumentinnen (weniger als
1%); bei den Jungen dagegen liegt die
Quote der täglichen Trinker in der 10.
Klasse bei immerhin 8%.
- Erweitert man das tägliche Trinken zum
wöchentlichen Trinken, schnellen die
Prävalenzraten nach oben: In der 10.
Klasse liegt hier der Anteil derjenigen,
die wöchentlich wenigstens einmal
Alkohol trinkt, bei 30,6%.
- Dabei gibt es einen großen
Geschlechtsunterschied: Bei den
Mädchen steigt der Anteil derjenigen, die
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wenigstens einmal pro
Woche
alkoholische Getränke konsumieren, bis
zur 10. Klasse auf 18,7% an. Die
entsprechende Quote bei den Jungen ist
mit 44,2% mehr als doppelt so hoch- Bei den
Jungen kommt es auch zu
einem bemerkenswerten
Schultypunterschied: die Quote der 10.
Klässler, die wenigstens einmal pro
Woche Alkohol trinken, ist am
Gymnasium um 8,8% erheblich höher
als an der Mittelschule (Mittelschule:
40,8%; Gymnasium: 49,6%).
- Beim Vergleich mit Daten für den
gesamten Freistaat Sachsen muß für
die Region Torgau insgesamt gesehen
ein deutlich überdurchschnittlicher
Alkoholkonsum festgestellt werden
(21,0% vs. 24,2% wöchentliche
Konsumenten in der Gruppe der 8.-10.
Klässler).
- Der Einstieg in das Alkoholtrinken wird
von Motiven bestimmt, die noch wenig
individualisiert sind, und mit denen vor
allem die Jüngeren ihr Trinkverhalten
begründen bzw. rechtfertigen (weil es
schmeckt; weil alle trinken).
- Mit zunehmender Alkoholerfahrung
rücken spezifischere soziale und
emotionale Trinkgründe in den
Vordergrund (wegen der Geselligkeit,
um abzuschalten usw.).
Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass Maßnahmen zur Prävention des übermäßigen
Alkoholgebrauchs in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands wenigstens so nötig sind wie
anderswo. Demgegenüber ist aber festzustellen, dass sich viele Aktivitäten der primären
und sekundären Suchtprävention auf die großen Städte konzentrieren. So wird
beispielsweise im nahe bei Torgau gelegenen Leipzig seit Mitte der 90er Jahre ein
bundesweit viel beachtetes schulisches Präventionsprogramm (Soester Programm) mit gutem
Erfolg erprobt und evaluiert. Es ist Zeit, dass solche innovativen Ansätze auf
schulischer Ebene auch in den ländlichen Regionen (nicht nur Ostdeutschlands) zum Einsatz
gebracht und dort auf die spezifischen Bedingungen abgestimmt werden.
Prof.
Dr. Reinhard Fuchs
HTWK
Leipzig
Fachbereich
Sozialwesen
PF
30 00 66, 04251 Leipzig
fuchs@sozwes.htwk-leipzig.de
Dr.
Heike Zirm
Gesundheitsamt
Torgau
Puschkinstraße
2, 04860 Torgau
heike.zirm@lra-to.de |